1 Das wohltemperierte Klavier
In China kannte man durch Lü Pu Wei die gleichschwebende Temperatur
schon 250 v. Chr. (also mehr als 1700 Jahre früher als im Abendlande).
In Europa finden wir die Kenntnis der Teilung der Oktave in 12 gleiche Teile erst
bei Ramos de Pareija (ca 1450-1500) und Franchinus Gafurius (1451-1522).
Andreas Werckmeister (1645-1706) beschrieb verschiedene Temperaturen.
Die wichtigste (seine dritte) ist unter dem Namen 'Werckmeistersche Temperatur' bekannt.
Das pythagoreische Komma wir hier in 4 gleiche Teile zerlegt. D. h. die Quinten c-g, d-a, a-e
und h-fis sind um 1/4 Komma kleiner.
Daher klingen alle großen Terzen etwas schärfer und alle kleinen Terzen etwas
abgestumpft. Der bedeutendste Fortschritt Werckmeisters beruht in der Beseitigung des pythagoreischen
Kommas, so dass kein störender Wolf mehr vorkommt; denn kein Intervall weicht von seiner
natürlichen Reinheit um eine Diesis ab.
Hier (d. h. bei der wohltemperierten Stimmung) handelt es sich jedoch um eine ungleichschwebende
Temperatur, da die Korrekturen nicht gleichmäßig verteilt sind.
Die Möglichkeit der Transposition auf dem Klavier gab es aber erst durch ihn. Tonarten mit
weniger Vorzeichen klangen allerdings immer noch besser als Tonarten mit vielen Vorzeichen.
Das Hauptziel der Werckmeisterschen Temperatur war, in der harmonischen Mitte wohlklingende große
Terzen zu haben.
Vor Werckmeister glaubte man, dass die Terzen nach der Oktave möglichst rein gehalten werden
müssten. Später lag es nahe, den Unterschied zwischen Dur und Moll durch Verschärfung
der Terzen noch besonders hervorzuheben.
Das ästhetische, musikalische Gefühl hatte sich gewandelt.
2 Die gleichschwebende Temperatur (Warum gibt es zwei Namen für einen Ton?)
Die reine Quinte entspricht dem Verhältnis 2/3 (Das bedeutet, wenn eine Saite 12 Meter
lang ist, erklingt die Quinte beim Abgreifen von 8 Metern. Das heißt, die Saitenlänge der
abgegriffenen Quinte beträgt 2/3 der vollen Saitenlänge (8/12 = 2/3). Die reine Oktave
entspricht dem Verhältnis 1/2. Teilt man eine Saite in der Mitte erklingt also die Oktave zum
Ton der vollen Saite.
Da sich nun nach 12 Quinten nicht der selbe Wert wie nach 7 Oktaven ergibt, kommt es zu einem
Problem. Es ist unmöglich die perfekte Stimmung mit vertretbarem Aufwand zu erzeugen. Man
bräuchte dann nämlich eine Unzahl von verschiedenen Tönen pro Oktave. Mathematisch
lässt sich dies folgendermaßen darstellen: (1/2)7 ist ungleich (2/3)12.
Diese Abweichung nennt man das pythagoreische Komma. Im 18 Jh. wurde dieses Komma
gleichmäßig auf alle 12 Quinten verteilt. Heute sind also alle Quinten auf dem Klavier
etwas kleiner als es reine Quinten wären!
Dis und es haben also heute nur aufgrund dieser Verstimmung dieselbe Tonhöhe!
Sowohl unser Notensystem als auch die Tatsache, dass es zwei Namen für einen Ton gibt,
stammen also aus einer Zeit, in welcher die gleichschwebend temperierte Stimmung noch
nicht umgesetzt war. Das Notensystem und die Struktur der Klaviatur sind historisch bedingt.
3 Johann Georg Neidhardt
Johann Georg Neidhardt (1685-1739) stellte 1706 die gleichschwebende Temperatur. Auch
er konstruierte noch andere Temperaturen.
In einer (Die Neidhardtsche Temperatur) wurden die Quinten z. B. unterschiedlich verändert. Die
Quinten zu c, g, d und a waren 1/6 Komma kleiner, die Quinten zu e, h, gis und es 1/12 Komma kleiner,
alle anderen rein. Diese Temperatur kam der gleichschwebenden Temperatur schon sehr nahe, alle
großen Terzen schwebten über sich, alle kleinen unter sich.
In seiner vierten Temperatur verteilte er das Komma schließlich gleichmäßig.
Enharmonische Differenzen wurden eine Sache des menschlichen Denkens.
Praktisch sind sie nicht mehr vorhanden. Das Gehör registriert erst Abweichungen ab 5 Cent.
Erst im 18 Jh. erfolgte die allmähliche Durchsetzung der gleichschwebenden Temperatur. Für
die langwierige Durchsetzung gibt es verschiedene Gründe. Die Gewöhnung der Musiker und der
Zuhörer, sowie die Kosten für die Orgelumstimmung und der Eigensinn der Orgelbauer
und - stimmer.
Stärker als die Realität des Klangs wirkt letztlich die gedachte, gewollte Vorstellung der
Tonabstände.
Für ungleichschwebende Temperaturen gab es folgende Gründe: Die Leichtigkeit der Stimmung,
die verschiedene Charakterisierung der Tonarten, sowie die Möglichkeit reiner Intervalle.
Die Notenschrift symbolisiert nach wie vor ein unendliches Tonsystem.
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